Archiv für Oktober 2010

Warum Foulcault nicht mit einem „durchdachten planwirtschaftlichen Konzept“ für den Kommunismus wirbt

So sympathisch das Beharren auf Analyse und Kritik der Klassengesellschaft auch ist – am Ende weiß Foucault gegen Chomskys politisch interessierte Ideologien von der noch frei zu setzenden Natur des Menschen und der noch zu verwirklichenden ewigen Gerechtigkeit auch nicht mehr zu erwidern als postmodernen Skeptizismus: Es könnte ja sein, dass die Kategorien, mit denen wir unsere Utopien konstruieren, irgendwie von der bürgerlichen Gesellschaft affiziert sind und wir in Endeffekt nur den alten Scheiß reproduzieren.

Das ist zwar bei Kategorien wie „Gerechtigkeit“ tatsächlich der Fall – in dem Sinne, dass die moralische Berufung auf Gerechtigkeit gesellschaftliche Scheißverhältnisse immer zur Voraussetzung haben muss – sich aber die Kritik an solchen Kategorien mit einem „Es könnte ja sein, dass …“ zu ersparen, bringt einen nicht wirklich weiter. Genauso gut könnte auch das Gegenteil sein oder vielleicht was ganz anderes. Die Möglichkeit eines Irrtums oder eines Fehlers zu behaupten, ist kein inhaltlicher Einwand gegen die Thesen des Gegenübers, sondern dokumentiert einfach nur den schlichten Unwillen, diese einzusehen.

Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Fakt zur rechten Zeit sich ein

Thiel Schweiger hat eine lustige Kolportage über das Soziologiestudium gepostet:

Schüler:

Fast möcht ich nun Soziologie studieren.

Weiser Mann:

Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzenei ist’s kaum zu unterscheiden.
Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur einen hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen- haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

Schüler:

Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.

Weiser Mann:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Fakt zur rechten Zeit sich ein.
Mit Fakten läßt sich trefflich streiten,
Mit Fakten ein System bereiten,
An Fakten läßt sich trefflich glauben,
Von einem Fakt läßt sich kein Jota rauben.

Vergesellschaftung

Stuttgart-21, Demokratie blabla

Was auch immer man von den Anti-Stuttgart-21-Protesten halten mag – darüber wie sich die andere Seite aufführt, kann einem der protestierende Citoyen fast wieder sympathisch werden.

Bahnchef Grube lässt sich kurz zu ein paar Wahrheiten über die Demokratie hinreißen und schon kommt nicht mehr das übliche Geblubber von dem Reich der Freiheit, das einen hier in seine gütigen Arme schließt, sondern Folgendes:

„Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht“, sagte Grube in der Bild am Sonntag. Es gehöre zum Kern einer Demokratie, dass politische Beschlüsse akzeptiert und dann auch umgesetzt würden. (SZ, 04.10)

Das ist mal ne Ansage. Protestieren wollt ihr? – In einer Demokratie wird getan, was die Regierung beschließt, und Maul aufreißen darf man nur solange, wie man sie dabei nicht stört! Da zerbrechen sich kluge Menschen den Kopf darüber, wie man dem Bürger eine Kritik der Ideologien über die Demokratie näher bringt und der Typ knallt’s ihm einfach vor den Latz.

Widerlicher wird’s dann bei Leuten, bei denen Diffamierung zum Beruf gehört:

Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Peter Hauk warf den S-21-Gegnern vor, sogar Kinder zu instrumentalisieren. „Ich finde es unverantwortlich, dass Eltern ihre Kinder nicht nur mitnehmen, sondern auch in die erste Reihe stellen“, sagte Hauk. (Südwest Presse, 01.10; der gleiche Vorwurf auch in einen Kommentar in der Tagesschau)

Verprügeln lassen werden wir euch sowieso – selbst wenn ihr Kinder dabei habt – das ist nunmal so. Wer da noch seine Kinder mitbringt, ist also selbst dran schuld, wenn sie Pfefferspray abbekommen. Für den Funktionär der Staatsgewalt ist das ideele Hantieren mit dem Knüppel so selbstverständlich, dass er das Kaputtschlagen von Menschen locker den Opfern selbst in Rechnung stellt. Die Demokratie in ihrem Lauf hält weder Kind noch Kegel auf und wer sich in den Weg stellt: selber schuld. Zumal der Instrumentalisierungsvorwurf auch noch eine Heuchelei ist, denn die kleinen, süßen menschlichen Schutzschilder wurden, wenn man sich die Bilder in der Berichterstattung ansieht, als solche gar nicht wahrgenommen, haben also null Schutz geboten. Die Polizei hat die Instrumentalisierung erfolgreich verhindert.