Archiv für November 2010

If I can‘t use gendergerechte Sprache, it’s not my revolution

Die Gruppe 180° entdeckt in der aktuellen Trend-Ausgabe, dass es sich bei den Protagonisten des GegenStandpunkts – die hier aber nur für viele andere Menschen „marxistischer Herkunft“ stehen – um „reaktionäre Antifeministen“ handelt. Wer, so wie 180°, auf geschlechtergerechte Sprache pocht und „das Binnen-I oder Unterstrich als linkes ‘must have‘ definiert“, bekommt aus diesen marxistisch inspirierten Kreisen häufig nämlich Folgendes gesagt: „Schlimm, so unsere Auffassung, ist nicht der Klang, sondern die Sache. Sie gehört korrigiert.

Erstmal die verborgenen Motive klarstellen: Diese Marxisten (sind ja nur Männer) bedienen sich, wenn sie von den Verfechtern des gendergerechten must-haves angewiesen werden, anders zu sprechen und zu schreiben, nur vorgeblich einer marxistischen (Gegen-)Argumentation. In Wahrheit handelt es sich um Leute, die die gute alte Zeit vermissen, als sie ihre „Alte“ noch ungestraft in der Küche rumschubsen konnten. Da der Phantomschmerz einfach nicht nachlassen will und sie keine andere Möglichkeit sehen, ihren dumpfdeutschen Sexismus auszuleben, behelligen sie halt sprachkritische FeministInnen mit ihren unzäääääähligen Pamphleten zu diesem Thema. „Und so wurde sich über das „Binnen-I“ und die immer selbstverständlicher werdende Benutzung der weiblichen Form beschwert, wo immer sich die Möglichkeit bot.

Aber kein Grund zu verzagen. Dass die Freunde der Sprachgendergerechtigkeit bei deiser Auseinandersetzung im recht sind, braucht gar nicht ausführlich bewiesen zu werden. Es reicht der Hinweis darauf, dass sie und noch manch anderer Mensch auf der Welt die gendergerechte Sprache benutzen. Wer sich dieser Konvention nicht anschließen will, vergeht sich nicht einfach gegen eine bestimmte politische Strategie, sondern gegen die Wirklichkeit selbst und hat damit schon verloren. Die „Veränderung des sozialen Seins spiegelt(e) sich [nämlich] entsprechend in Bewusstsein und Sprache wieder.“ Wenn 180° die Sprache auf ihre Weise umgestalten, ist es die Wiederspiegelung des „sozialen Seins“ und deshalb nur zeitgemäß und damit auch notwendig. Wenn andere Leute das nicht machen, ist es erstmal kein Einwand gegen die seltsame Wiederspiegelungstheorie, sondern ein Beleg dafür, wie rückständig und frauenfeindlich sie sind. Es sind deshalb auch nicht die sprachkritischen FeministInnen, die andere Leute dahingehend agitieren, die gendergerechte Sprache zu benutzen, die irgendein gutes Argument vorzubringen hätten, warum man seine Sprachgewohnheiten ändern soll – diese verändern sich ja eh irgendwie von selbst. Stattdessen sind es die ganzen marxistisch inspirierten Sexisten, die sich angeblich benehmen „wie unverbesserliche Sprachfanatiker*Innen, sobald ihnen irgendwo eine weibliche Form unterkommt“, die zu begründen haben, warum sie dem Weltgeist dermaßen in die Queere kommen.

Und auch das können sie mehr schlecht als recht. Die vorgeblichen Marxisten sind gar keine, weil der Marx, der hat nämlich was ganz anderes gesagt und zwar die tiefe Weisheit, „dass Sprache Teil der menschlichen Praxis und damit auch Teil des gesellschaftlichen Seins ist“. Die Sprache ist damit „unauflöslich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden“, deswegen soll man nicht so tun, als ob man mit der Sprache nur den Teil des gesellschaftlichen Seins ändert, den die Sprache ausmacht, weil man ja die Sprache geändert hat und nicht etwas anderes, sondern man ändert viel mehr, beziehungsweise, es ist ja schon vieles längst geändert und in der Sprache von 180° unauflöslich wiedergespiegelt worden, weil alles ist ja irgendwie auch miteinander verbunden: Sprache und Bewusstsein und Praxis und Sein und wer was anderes behauptet oder wiederspiegelt ist ein deutscher Idealist und hat mit materialistischer Gesellschaftstheorie eben nichts zu tun, weil er was gegen Frauen hat. Was zu beweisen war.