Archiv für Februar 2011

Zur Nation

Die Basisgruppe Antifaschismus aus Bremen gibt in ihrem neuen Text (in dem auch ziemlich begriffslos und theoretisch wüst der GSP gedisst wird und sehr schöne Beispiele der Verwendung von Marxzitaten als Argumentersatz zu finden sind) Folgendes über den Grund von „Ideologien kollektiver Identität wie Kultur, „Rasse“, Nation“ zum Besten:

Die Konfliktlagen des eigenen Staates treffen den/die Einzelne_n nämlich direkt und unvermittelt. Weil aber bürgerliche Subjektivität der Krisenfreiheit bedarf (um in der Konkurrenz zu bestehen), konstituiert sich das Bedürfnis nach krisenfreier Identität.

Liest man das „bedarf“ als eine Äußerung der Subjektivität, ein Wunsch, ein Wille, ein Bedürfnis, wird der in den Sätzen geäußerte Gedanke zu einem Zirkelschluss: Der Wunsch nach krisenfreier Identität konstruiert sich in der bürgerlichen Subjektitvität deshalb, weil sie diesen Wunsch hat.

So soll es wohl aber auch nicht gelesen werden. Stattdessen deuten BA mit den „bedarf“ eine funktionale Notwendigkeit an. Damit das Individuum im Kapitalismus als Konkurrenzsubjekt funktioniert, ist eine krisenfreie Identität vonnöten, also besorgen sich die bürgerlichen Subjekte halt eine. So wird eine – bei BA einfach unterstellte – positive Wirkung eines Phänomens (hier der Identität) auf ein anderes (Konkurrenzsubjekt sein) zu einem Grund für dieses Phänomen umgemogelt. (Über Aristoteles gibt es den Witz, dass er die Existenz des menschlichen Ellenbogens damit begründete, dass dieser sehr praktisch sei, wenn man sich einen Becher Wein zum Mund führen will. Auf dem gleiche Niveau bewegt sich hier die Argumentation der BA.) Solche funktionalistischen Fehlschlüsse sind bei „… Ums Ganze“ gang und gäbe. In der Staatsbroschüre wird z.B der ganze bürgerliche Staat daraus abgeleitet, dass der Warentausch einer ihn garantierenden Instanz „bedarf“.

Weil der Inhalt dessen, was eine krisenfreie Identität ausmacht, bisher nicht angegeben wurde, werden nun zwei Bestimmungen nachgeschoben. Die Ideologien kollektiver Identität leisten zwei Dinge:

a) „Die individuell erfahrene Ohnmacht im Alltag kapitalistischer Konkurrenz wird im Kollektiv zur scheinbaren Macht. Ihr meldet das Subjekt sich als anspruchsberechtigt und versucht diejenigen Dinge zu realisieren die der bürgerliche Staat nur formal einlösen kann.

Von welcher erfahrenen Ohnmacht ist hier die Rede? Wenn die Kompensation der Ohnmacht darin besteht, sich als Anspruchsberechtigter zu melden, dann wollen BA wohl sagen, dass die reale Ohnmacht im Alltag kapitalistischer Konkurrenz darin besteht, nicht anspruchsberechtigt zu sein. Das stimmt aber nicht, denn jeder Bürger ist im Rahmen der ihm zugestandenen Rechte gegenüber dem Staat und seinen Mitkonkurrenten durchaus anspruchsberechtigt. Besteht die Ohnmacht nicht darin, nicht anspruchsberechtigt zu sein, dann ist nicht einzusehen, warum der Ohnmacht auf diese Weise Abhilfe geschaffen werden soll. Als ein Paradies auf Erden und die Realisierung linker Ideale, die hinter der angeblich nur formalen Einlösung der Freiheit der Person und der Gleichheit vor dem Gesetz warten, stellt sich schließlich kein Nationalist seine Nation vor.

Warum soll das Kollektiv zudem eine scheinbare Macht haben? Die Durchsetzung des nationalen Ausschlusses ist nichts scheinbares, sondern basiert auf einer ganz realen Macht.

b) „Im jeweiligen Kollektiv für [wahrsch. „führt“] die Abstraktion von jedem Partikularinteresse zu einer heimeligen Gemeinschaft, in der das Subjekt, das hier als Teil des kollektiv, kein Partikularinteresse mehr kennt, Schutz vor den Konflikt – und Bedrohungslagen kapitalistischer Ökonomie sucht.

Auch hier wird das Zustandekommen der Vorstellung einer Gemeinschaft, in der von gegensätzlichen Interessen abstrahiert ist, nicht begründet, sondern funktionalistisch postuliert. Schließlich beschreibt das Bild eines Subjekts, das Schutz vor kapitalistischen Konfliktlagen sucht, weder den objektiven Vorgang – Einbildungen bieten natürlich keinen Schutz vor gar nichts – noch die subjektive Motivation der Nationalisten, wenn sie sich solche Vorstellungen ausdenken. Dass die Bedrohung durch irgendwelche Konfliktlagen einen Grund für nationalistische Vorstellungen abgeben soll, wird bei BA ohne jede weitere Begründung einfach festgelegt.

Wer was Gehaltvolleres zum Begriff der Nation lesen will, klickt hier.