Unausgesprochen verschwörungstheoretisch

Die Tagesschau berichtet über den Vergewaltigungsvorwurf gegenüber dem Chef des Internationalen Währungsfonds Dominique Strauss-Kahn, der auf den Mittag des Vortags datiert. Neben seiner Tätigkeit als IWF-Chef gilt Strauss-Kahn dem Bericht zufolge auch als Hoffnungsträger der Sozialistischen Partei Frankreichs für den Präsidentschaftswahlkampf 2012 gegen Nicolas Sarkozy. Von der durch den „Skandal“ laut Tagesschau hervorgerufenen politischen Schwächung, sollen die „politischen Gegner“ des amtierenden Präsidenten der französischen Republik darauf geschlossen haben, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens seltsam/auffällig sei:


Selbst wenn er die Vorwürfe entkräften kann, Dominique Strauss-Kahn ist schon jetzt politisch entscheidend geschwächt – als Chef des Internationalen Währungsfonds und als Sarkozys stärkster Herausforderer. Für die politischen Gegner des Präsidenten ist deshalb auch der Zeitpunkt zu dem dieser Skandal publik wird bemerkenswert, um nicht zu sagen auffällig.

Der Zeitpunkt der Publikwerdens ist unmittelbar nach dem mutmaßlichen Verbrechen. Es ist weder bemerkenswert noch auffällig, dass die Festnahme eines weltbekannten Politikers sofort bekannt wird. Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, dass „die politischen Gegner“ Sarkozys tatsächlich den Zeitpunkt des Publikwerdens in Frage stellen – das habe ich aber zugegebenermaßen nicht recherchiert. Von einer so unbestimmten Gruppe wie der der „politischen Gegner“ ließe sich aber auch nicht zweifelsfrei feststellen, dass nicht doch jemand so etwas gesagt hat. Trotz der offensichtlichen Blödsinnigkeit der Äußerung mag die Tagesschau also ihr indirektes Zitat – abgesehen von der Sippenhaft in die sie die politischen Gegner nimmt – korrekt wiedergeben.

Auffallen könnte verschwörungstheoretischen Geistern höchstens der mutmaßliche Vorfall selbst. Wem an dem Vorfall aber etwas auffällt, der glaubt schon in der Logik des Cui Bono? („Wem kommt das zu Gute?“) darauf schließen zu können, dass die Anschuldigung falsch ist, weil sie gerade den politischen Gegnern Sarkozys zu pass kommen könnte. Für diese Spekulation braucht man keinen konkreten Inhalt zu untersuchen sondern sich nur anzuschauen, wem etwas zu Gute kommt. Nach der Logik kann der Regen das Werk von Landwirten sein.

Indem die Tagesschau in ihrer Formulierung, die aus dem kollektiven Munde der „politischen Gegner“ Sarkozys gekommen sein soll, gerade nicht den „Skandal“ selbst in Frage stellt, sondern den Zeitpunkt des Publikwerdens, umgeht sie es die offensichtlich verschwörungstheoretische Spekulation, dass der Inhalt des Skandals selbst inszeniert sei, auszusprechen. Dafür nutzt sie die ungleich diffusere und abwegigere Feststellung, dass der Zeitpunkt des Publik-werdens Verdacht errege, als Einfallstor für die Verschwörungstheorie: Weil Alle wissen, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens überhaupt nicht bemerkenswert ist, schließen sie schon auf den eigentlich gemeinten Inhalt, nämlich dass der ganze „Skandal“ selbst inszeniert sei.

Die Tagesschau befeuert die Verschwörungstheorie, die sie der Gruppe der „politischen Gegner“ Sarkozys kollektiv in den Mund legt, indem sie den Kern der Verschwörungstheorie gerade nicht ausspricht und sich somit scheinbar auch nicht der unkommentierten Weitergabe von Verschwörungstheorie schuldig macht, während die Verschwörungstheorie doch die einzig logische Folgerung aus dem Berichteten bleibt.

Sollten auch tatsächlich „politische Gegner“ Sarkozys selbst den Zeitpunkt des Publikwerdens für bemerkenswert/auffällig erklärt haben, hätte die Tagesschau dies trotzdem nicht unkommentiert wiedergeben dürfen, sondern hätte auf den verschwörungstheoretischen Gehalt der Aussagen verweisen müssen und dafür auch nicht die Gegner kollektiv in Sippenhaft nehmen dürfen. Ich bin auch einer der politischen Gegner Sarkozys und finde den Zeitpunkt zu dem der Skandal publik wird keineswegs seltsam oder auffällig.

Indem ich mir hier nur einen Kritikpunkt rausgegriffen habe, mag die Tagesschau ansonsten als ganz gut erscheinen: Das ist sie als Ideologin für Deutschland und seinen Kapitalismus nicht. Aber solch offene Propagierung von Verschwörungstheorie war mir neu.

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