Beiträge von Apple

Engels & Marx

Zu Michael Heinrichs „Wissenschaft vom Wert“ II

Muss meinen ursprünglichen schlechten Eindruck ein Stück weit revidieren: Heinrich hat durchaus einen Begriff vom interessierten Denken. In seinen Worten heißt das „theoretische Problematik“, „theoretisches Feld“ bzw. „Fragestellung“. Dass Smith und Ricardo auf verkehrte Theorien kommen, erklärt er (auch) damit, dass sie vonvornherein ihre wissenschaftlichen Fragen so stellen, dass eine vernünftige Theorie nicht rauskommen kann. Wenn er allerdings an die nähere Ausführung dieser falschen Fragestellungen geht, kommt so‘n Zeug wie die bereits kritisierte Empirismusdiagnose.

An den Punkten, wo Heinrich selbst dagegen polemisiert, interessiertes Denken für den Grund falscher Theorien zu halten, denkt er eher an so etwas wie vorsätzlich falsches Denken. Wenn also Leute mit Absicht zu falschen Ergebnissen kommen wollen, weil es ihnen politisch in den Kram passt. Ideologie als Lüge oder Priestertrug. Kann man ja auch so verstehen. Der Begriff „interessiertes Denken“ scheint mir da ein wenig missverständlich zu sein.

Eine andere Kritik an Interessen als Grund für Ideologien hat Ingo Elbe in seinem Vortrag „Anonyme Herrschaft“ drauf. Wenn Leute Interesse als Grund für Ideologien angeben (es wird im Vortrag nicht klar, wer diese „Leute“ sein sollen – vllt. der GSP), dann kann man das so nicht stehen lassen. Man müsse vielmehr fragen, woher diese Interessen denn kommen, und da stößt man auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Eine schlechte Kritik, die sagen will: Den angegebenen Grund für Ideologien kann ich so nicht stehen lassen, denn dieser Grund hat seinerseits einen Grund und jener Grund des Grundes ist dann aber auch der wirkliche Grund für Ideologien. Abgesehen davon, dass man das Spiel mit dem Grund des Grundes des Grundes des Grundes des Grundes des Grundes des Grundes … auch auf jedes Argument von Elbe anwenden und es damit bestreiten kann, müsste es selbst für bürgerlich sozialisierte Individuen nicht schwer sein, einzusehen, dass der Grund der bürgerlichen Interessen der Grund von etwas anderem ist, als das wonach gefragt wurde, seine Ermittlung deswegen auch die gestellte Frage nach dem Grund von Ideologien nicht beantwortet. Mit der Antwort auf die zweite Frage wird die erste nicht beantwortet – und umgekehrt. Es ist deshalb verkehrt die eine Erklärung gegen die andere zu halten. Dass Elbe es in seinem Vortrag tut, liegt daran, dass er gerne die Betonung auf die „Struktur der Produktionsverhältnisse“ legen will und in den Erläuterungen der Gegenseite diese Betonung falsch gesetzt sieht.

Bei Heinrich derselbe Fehler, allerdings auf etwas anderes bezogen:

In einer, von Marx und Engels in Abgrenzung zum Idealismus Hegels und der Junghegelianer als „materialistisch“ apostrophierten Geschichts- und Gesellschaftsauffassung treten an die Stelle des „menschlichen Wesens“ als grundlegendes begriffliches Konzept die „gesellschaftlichen Verhältnisse“. Zwar sind diese Verhältnisse nicht naturgegeben, sondern werden durch das Handeln der Menschen reproduziert, sie können aber nicht aus dem individuellen Handeln erklärt werden, denn den einzelnen Individuen treten diese Verhältnisse bereits fertig gegenüber und geben ihnen die Handlungsmöglichkeiten erst vor. Der Bruch mit dem Anthropologismus zieht den Bruch mit dem zweiten Element des theoretischen Feldes der politischen Ökonomie nach sich, dem Individualismus. (Heinrich 1999: 138)

Die Kritik am Anthropologismus in allen Ehren, aber das Argument geht mal gar nicht, Digga. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die von den Individuen noch zu produzieren sind, sind schon von ihnen produziert worden und stehen ihnen bereits fertig gegenüber. Was die Individuen produzieren, haben sie schon produziert und wurden davon ihrerseits selbst schon längst produziert. Das ist logisch totaler Quark, er trieft nur so aus den Sätzen raus, läufen die Buchseite herunter und auf meinen Teller mit dem Stück Pflaumenkuchen. Mhh, lecker! Zustande kommt er, weil

a) Heinrich sich in Abstraktionen wie „die Individuen“ und „die Verhältnisse“ rumtreibt und nichts Konkretes erklären will. Schon an dem einfachen Gedanken, dass es vor 20 Jahren andere Individuen waren, die Verhältnisse produziert haben, die mir und anderen heutigen Individuen fertig gegenüberstehen, merkt man wie faul die Rede von „den“ Individuen ist, die ihr schon produziertes Produkt erst noch produzieren müssen, damit es sie produzieren kann.

b) Heinrich die beiden Kategorien Grund und Bedingung miteinander vermischt. Während die Individuen die Verhältnisse produzieren, somit also auch der Grund ihrer Entstehung sind, stellen die Verhältnisse die Bedingung des Handelns da und nicht seinen Grund. Das Handeln erklärt sich also genau genommen nicht aus den Verhältnissen, sondern daraus, wie Menschen mit dem, was ihnen da vorgesetzt wird, umgehen. Damit Heinrich es bestreiten kann, dass die Gesellschaft sich aus dem Handeln der Individuen erklärt, muss er ein logisches Kuddelmuddel konstruieren, in dem das Handeln irgendwie zu den Verhältnissen führt und die Verhältnisse irgendwie zum individuellen Handeln, und zwar ohne, dass klar expliziert wird, welchen Begründungsstatus das eine für das andere hat. Im Endeffekt behauptet er beides als Grund für einander. Der Sache nach liegt aber auf der einen Seite ein Begründungs-, auf der anderen eine Bedingungsverhältnis vor.

c) Heinrich den gleichen Fehler wie Elbe macht. Dass Individuen die gesellschaftlichen Verhältnisse produzieren, reicht ihm als Erklärung nicht aus. Er stellt gleich die Frage nach dem Grund des Grundes: Wie erklärt sich das Handeln der Individuen? „Das Handeln der Personen kann nicht, wie in der klassischen und der neoklassischen Ökonomie, als Erklärungsgrund dienen, es muß vielmehr selbst erklärt werden.“ (Heinrich 1999: 154) Auch Heinrich ist also nicht auf eine sachliche Erklärung aus, es geht ihm um die richtige Betonung bei der Wiedergabe des Sachverhalts. Die Verhältnisse sind dafür verantwortlich, dass die Menschen sich so aufführen und ihr eigenes Elend reproduzieren.

Man fragt sich, was an der Betonung so wichtig ist. Scheint die verkehrte Art und Weise zu sein, in der die Neue-Marx-Lektüre-Kerls mit moralischer Kritik an den Unschönheiten des Kapitalismus umgehen. Anstatt die Schuldfrage, die da ständig aufgemacht wird, zu kritisieren und zurückzuweisen, wird die Schuld des Einzelnen (Managers, Politikers, dummen bürgerlichen Wissenschaftlers) zurückgewiesen, indem die Ursächlichkeit des individuellen Handelns betritten wird. Was bei den Diggaz auf der Straße schon längst als ironischer Witz gilt (allerdings aus anderen Gründen wie hier; nichts zugutehalten, was nicht zu Zugutehalten gehört) – „Ich kann nichts dafür, die Gesellschaft hat mich dazu gemacht“ – wird in den Rang einer Erklärung des Kapitalsverhältnisses erhoben.

Zu Michael Heinrichs Empirismuskritik

Heinrichs „Wissenschaft vom Wert“ gelesen. Darin zu finden Heinrichs Kritik an der Marx’schen Einschätzung von Smith und Ricardo. Marx kritisiert an den beiden, dass sie zwar den Wert der Waren auf Arbeit zurückführten, ebenso einen Begriff vom Mehrwert hätten, diese beiden Begriffe aber ständig mit den Begriffen Preis und Profit – also mit den Erscheinungsformen von Wert und Mehrwert – verwechselten.

So bei Ricardo: Dieser wisse zwar, dass der Mehrwert der Teil des der Warenmasse durch Arbeit zugesetzten Werts ist, der den zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Wert übersteigt, sei also auch auf dem besten Wege, zu entdecken, dass Mehrwert durch Mehrarbeit, d.h. Ausbeutung geschaffen wird. Je größer die Ausbeutung, desto mehr Mehrwert. Diese Behauptung widerspreche aber der unmittelbaren Anschauung, insofern, dass bei einer gegebenen Durchschnittsprofitrate die Profitmasse von der Größe des eingesetzten Kapitals abhängt – und zwar unabhängig von der Mehrwertrate des Einzelkapitals. Marx kritisiert nun, dass Ricardo das Vorhandensein der Durchschnittsprofitrate nicht aus seiner – richtigen – Mehrwerttheorie entwickelt, also die Mehrwertbestimmungen mit den Profitbestimmungen korrekt vermittelt, sondern diese als Prüfstein der Mehrwerttheorie betrachtet und bei Nichtübereinstimmung die Bestimmungen des Mehrwerts teilweise wieder verwirft bzw. falsch modifiziert. Ricardo sei es einerseits darum gegangen, die dem Profit zugrunde liegenden Gesetze aufzufinden, andererseits habe er die Erklärung – den Mehrwert – nicht mit dem zu Erklärenden – dem Profit – vermittelt, sondern beides miteinander verwechselt. Ricardo fasse „die Erscheinungsform nun unmittelbar, direkt als Bewähr oder Darstellung der allgemeinen Gesetze auf“, keinesweg entwickle er das eine aus dem anderen – wie es eine richtige Theorie zu tun hätte. Seine Abstraktion (der Schluss auf die dem Profit zugrunde liegenden Vorgänge) sei eine bloß „formale Abstraction“, keine die mit der zu erklärenden Realität inhaltlich verknüpft wäre. (MEW 26.2: 100)

Marx geht von einer (seiner) fertigen Theorie des Profits aus, die diesen – auch quantitativ – aus der Aneignung von Mehrarbeit Schritt für Schritt ableitet und das, was anfangs als Widerspruch erschien, miteinander vermittelt, und betrachtet die Theorien von Smith und Ricardo in einem Abgleich mit seiner. Dort, wo sich diese übereinstimmend mit ihm äußern, hält er es ihnen als einen Fortschritt in der Wissenschaft zugute; dort, wo die beiden vom ihm abweichen, seien nach Marx Verwechslungen, Inkonsequenzen, Unfähigkeit, „Mangel an Abstractionskraft“ u.ä. am Werke. Ein Begriff der Theorien von S. und R. ist dies nicht, eine Erklärung dessen, warum sie ihre Fehler machen, auch nicht. Die „Un-“s, „In“-s und „Mängel“ sind keine positiven Bestimmungen der dort vollzogenen Urteile, sondern drücken bloß die Nichtübereinstimmung mit der eigenen Theorie aus.
Edit: Marx geht von einer (seiner) fertigen Theorie des Profits aus, die diesen – auch quantitativ – aus der Aneignung von Mehrarbeit Schritt für Schritt ableitet, also das, was anfangs als Widerspruch erschien, miteinander vermittelt und betrachtet die Theorien von Smith und Ricardo im Verhältnis seiner. Dort, wo sich diese übereinstimmend mit ihm äußern, hält er es ihnen als einen Fortschritt in der Wissenschaft zugute; dort, wo die beiden vom ihm abweichen, seien nach Marx – zumindest an den Stellen, auf die Heinrich sich bezieht – Verwechslungen, Inkonsequenzen, Unfähigkeit, „Mangel an Abstractionskraft“ u.ä. am Werke. Eine Erklärung dessen, warum S. und R. ihre Fehler machen ist das nicht. Die „Un-“s, „In“-s und „Mängel“ sind keine positiven Erklärungen der dort vollzogenen Urteile, sondern halten zunächst nur fest, dass die beiden es falsch gemacht haben, weil sie es nicht richtig gemacht haben.

Das kreidet Heinrich Marx seinerseits als Mangel an und macht sich daran, diesen Mangel zu beheben, also die Fehler von S. und R. positiv zu erklären. Diese Erklärung geht folgendermaßen: Heinrich attestiert Smith und Ricardo Empirismus, der sie daran hindern würde, eine „nicht-empiristische Theorieebene“ zu konstruieren, die bei Marx vorhanden sei und auf der seine Mehrwerttheorie zu verorten sei. (Heinrich 1999: 58) Der Empirismus, der den Nicht-Empirismus verhindert, wird doppelt bestimmt: Einerseits negativ, als das Nicht-Vorhandensein abstrakter theoretischer Ebenen, andererseits als die Anwendung von theoretisch gewonnenen Kategorien auf der Ebene der unmittelbaren Beobachtung. Da der Mehrwert z.B. nach Heinrich eine Kategorie ist, die kein empirisches Korrelat besitzt, also nicht unmittelbar beobachtet werden kann, können die empiristischen Theoretiker Smith und Ricardo ihn auch nicht richtig bestimmen, denn dazu müssten sie sich theoretisch auf nicht-empirische Ebenen begeben. Dass sie das nicht tun, liegt wiederum daran, dass sie im empiristischen Diskurs befangen sind, der die Wissenschaft der Politischen Ökonomie zu ihrer Zeit beherrschte.

Dazu ein paar Gedanken:

1. Der Verweis auf den empiristischen Diskurs ist eine Nicht-Erklärung, weil der empiristische Diskurs durch nichts anderes als die Betätigung seiner Protagonisten entsteht. Die Erklärung dessen, warum die bürgerlichen Ökonomen allesamt Empiristen sind, heißt demnach: weil sie sich alle theoretisch als solche betätigen, es also sind. Hegel hülf!

2. Wodurch verhindert der Empirismus eigentlich, dass seine Anhänger ihre Kategorien auf gescheiten theoretischen Ebenen plazieren? Sprich: Was sind das für Eigenschaften und Bestimmungen, die er hat, die Smiths und Ricardos Denken in eine verkehrte Richtig treiben? – Davon weiß Heinrich nichts zu berichten. Empirismus ist bei ihm einfach und allein schon dadurch bestimmt, dass man dabei am richtigen Theoretisieren gehindert wird. Warum konstruieren Smith und Ricardo nicht die richtige theoretische Ebene, um den Mehrwert korrekt zu fassen? – fragt Heinrich. Und seine Antwort lautet: Weil sie Empiristen sind, es also nicht tun. Sie machen, was sie machen, weil sie so sind, dass sie es machen. Ein Tun wird als ein Zustand beschrieben und soll als Erklärung für sich selbst herhalten. Eine „formale Abstraction“ hat das mal irgendein kluger Mensch genannt.

Heinrichs Fassung vom Empirismus taugt vielleicht dazu, diese Denkweise zu benennen und zu charakterisieren, nicht jedoch als Erklärung für die Gedanken von Smith und Ricardo.

3. „Empirismus“ in dem Sinn, dass Smith und Ricardo von empirisch Beobachtbaren ausgehen und daran ihre theoretischen Kategorien überprüfen, wäre nichts Falsches. Das macht jede Wissenschaft so. Die empirische Beobachtung ist das zu Erklärende, also müssen die theoretischen Kategorien sie erfassen können, sind also an ihr zu überprüfen. Dass die Kategorien kein unmittelbares „empirisches Korrelat“ haben, macht für die meisten Wissenschaftler keine Probleme (vgl. die meisten Begriffe in der Physik). Auch Smith und Ricardo benutzen Kategorien, die kein direktes empirisches Korrelat besitzen, was sie nicht daran hindert, sie als richtige zu behaupten. Wenn Smith z.B. über den „natürlichen Preis“ der Waren redet, der sich als Durchschnitt aus den Preisschwankungen ergibt, dann ist dieser „natürliche Preis“ auch nicht unmittelbar zu beobachten – Durchschnitte werden nicht beobachtet, sondern errechnet – und dennoch macht sich Smith an die Erklärung dessen, wie er zustande kommt. Ebenso das Gefasel der beiden über die Natur des Menschen, die ständig als Erklärung für den Tausch herhalten muss, obwohl sie nicht direkt beobachtbar ist, sondern aus dem Handeln der Menschen erschlossen wird. (Bei Smith über den haarsträubend whacken Analogieschluss, dass wenn die Sprache zur Natur des Menschen gehört, weil die sonstigen Tiere nicht sprechen können, es mit dem Tauschen sich ebenso verhalten muss, weil Tiere eben auch nicht tauschen.) „Empirismus“ in dem Sinn, dass Smith und Ricardo bloß platt das empirisch Beobachtbare widergeben würden, ohne abstrakte Kategorien zur Erklärung zu benutzen, liegt also auch nicht vor.

Edit: [Ergänzt um Krims Kommentar, der die Sache tight auf den Punkt bringt]“Auch der Profit ist ja eigentlich nichts direkt empirisches. Was der Unternehmer auf dem Markt erhält ist ja zunächst mal Geld. Dieses Geld aber in ein Verhältnis zu setzen zum vorgeschossenen Kapital ist eine theoretischer Vorgang. Also ist Profit auch eine theoretische Kategorie, weil er das Verhältnis zum vorgeschossenen Kapital bezeichnet. Der Mehrwert ist ja auch nichts anderes als ein Verhältnis, nämlich das Verhältnis zur Lohnsumme, die ihn herstellt, die Mehrarbeit das Verhältnis zur notwendigen Arbeit. Der Unterschied ist bloß, dass den Kapitalisten bloß das Verhältnis zum vorgeschossenen Kapital interessiert. Seinem Interesse ist es also geschuldet, dass dem Kapitalisten der Überschuß als Profit erscheint, also als Überschuss über ein vorgeschossenes Kapital und nicht als Überschuss über das variable Kapital, als vergegenständlichtes Produkt der Mehrarbeit im Verhältnis zur Arbeit, die die Lohnkosten reproduziert.

Das Empirische ist nicht einfach vorliegende Realität, sondern schon in theoretische Kategorien einsortierte Realität. In diesem Fall sind es die interessierten Kategorien des praktischen Kapitalstandpunkts, die als Empirie gelten. Umgekehrt verraten die die Kategorien der Empirie das Interesse, das sie produziert.
Hier müsste man fragen, warum eigentlich der Kapitalstandpunkt bei S.u.R. als Empirie/als Realität durchgeht. Auf die Frage, warum sie das weder als theoretische Kategorie erkennen noch das Interesse, das sie produziert, gibt es m.E. nur eine Antwort – sie finden das Interesse nicht kritikabel, sondern teilen es.

Überhaupt besteht der Empirismus nicht, wie Heinrich annimmt, darin, das empirisch Gegebene einfach wiederzugeben. Dass Empiristen sich peinlich genau an die Empirie halten würden, ohne jede theoretische Zutat des Denkens, womit die Objektivität ihrer Theorien versichert wäre, ist ihre eigene Ideologie, mit der sie andere Theoretiker – Marxisten z.B. – disqualifizieren wollen. Heinrich nimmt diese Ideologie für bare Münze, meint aber, genau darin die Schwäche des Empirismus gefunden zu haben. Fail, denn die „Schwäche“ des Empirismus besteht in Wirklichkeit darin, dass er eine erkenntnistheoretisch unterfütterte Verweigerung darstellt, die fehlerhaften Kategorien der bürgerlichen Wissenschaft auf ihren theoretischen Status zu prüfen.

4. Worauf läuft die ganze Sache hinaus? Smith und Ricardo haben kein Style, bestimmen alles Mögliche anders als Marx und dazu auch noch falsch. Eine Erklärung dafür hat Heinrich mit seinem Versuch nicht hinbekommen. Was er hinbekommen hat, ist, die urban legend in die Welt zu setzen, Marx sei ditwegen so ein kluger Kopf jewesen, weil er eine Revolution auf dem wissenschafts-methodischen Gebiet angestoßen hat, die der Einführung von theoretischen Ebenen endlich die Beachtung zollt, die sie verdient, und die Heinrich und seine Homies von der Neuen-Marx-Lektüre immer noch im Begriff sind zu vollziehen. Und ich will auch gar nicht bestreiten, dass einem die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden nützen kann – z.B. dabei, die Fehler der bürgerlichen Ökonomen und von Heinrich schneller zu entdecken und zu verstehen – dass Marx seine Theorie halbwegs korrekt hinbekommen hat, weil es ihm eingefallen ist, neue theoretische Ebenen einzuführen, bestreite ich allerdings.

Achso, bevor das vergessen wird: eine Kritik am Empirismus, unerreicht, was den Flow und die Message angeht, gibt es von schwäbischsten aller Philosophen – Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, ab §37.

Kritik und Anmerkungen in der Kommentarspalte werden gelesen und bedacht.

[VA] Konterrevolutionismus ist die Kinderkrankheit …

Die reaktionärsten, chauvinistischsten und am meisten verblendetsten Teile der linken Szene Tübingens* veranstalten ab Mitte Juli eine dreiteilige Vortragsreihe. Diese fehlgeleiteten Jugendlichen, die ihrer Organisation passenderweise den Namen „AK LINKE IRRWEGE“ gegeben haben, wollen mit Veranstaltungen aufwarten, „die sich kritisch mit linken Gretchenfragen um Staat/Nation, Klasse, realsozialistischer Ökonomie und Antiimperialismus befassen“. Jenen, die an dieser Verunglimpfung des Sozialismus kein Interesse haben, wird im Voraus gedroht:

Und wer meint Kronstadt sei Schnee von Gestern vergisst das dieser Schnee rotgefärbt ist.

Themen:

  • 03.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
    Thema: „Nationalismus in der DDR: Vom proletarischen Internationalismus zur sozialistischen Nation“/li>
  • 07.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
    Thema: „Wir woll‘n doch nur wie die Deutsche Bank sein. Veranstaltung zu Begriff, Sache und Unwesen der Klasse“
    Referent: JustIn Monday aus Hamburg
  • 18.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
    Thema: „Antiimperialismus und Ideologie: Zur Geschichte des Imperialismus, seinem Wandel im globalen Zeitalter und seiner anachronistischen Auffassung seitens der deutschen Linken“
    Referent: Daniel Späth

Mehr Infos zu den Vorträgen gibt es hier.

* Dem Verfasser ist bekannt, dass der Großteil der Beteiligten nicht einmal aus echten Arbeiterfamilien stammt

Zum Eigentumsverhältnis II

Beim nächtlichen Rumstöbern im alten Komfor heute den Beitrag von carlos aus dem Jahr 2005 entdeckt, der das Verhältnis von Eigentum, Kapital und Staatsgewalt ganz gut fasst. Ich zitiere den Beitrag in voller Länge, die gesamte Debatte findet sich hier.

1. Abstrakte Arbeit und Gesellschaflichkeit
Als abstrakte i s t die menschliche Arbeit gesellschaftliche Tat; allerdings ist das gerade nicht eine von den Menschen gewußt gelebte Gesellschaftlichkeit. Vielmehr kennen sie alle gesellschaftliche Arbeit sowie alle benutzte Natur nur als G e g e n s t ä n d e (mit Wert), über die für sich und gegen andere privat verfügt werden kann und muß. Als gesellschaftliche Vorgänge werden so nur die Transaktionen der Gegenstände durch die verfügenden Eigentümer und deshalb auch die Sicherung der Eigentumsverhältnisse genommen.

2. Eigentum als „Gedankenform“

Es g i b t damit in der Tat dieses sich ins Verhältnis setzen des Individuums zu einem Gegenstand, ihn als den seinen zu nehmen, der er für sich gar nicht ist und sein kann. Dieses Nehmen und Verfügen ist bei diesem Eigentumsverhältnis allerdings jenseits der praktischen Benutzung angesiedelt, ein nur geistiges oder gedankliches – und von daher schon merkwürdiges – Verhältnis, das ein Subjekt sich da leistet.
Nur weil da ein subjektives und (nur) geistiges Ins-Verhältnis-Setzen zu Gegenständen vorliegt, sollte man nicht meinen und gar verkünden, das gebe es gar nicht. Ebenfalls sollte man nicht (erst recht nicht ohne Begründung) behaupten, dass dieses n i c h t ein solches, s o n d e r n ein ganz in den Willen des Staates fallendes Ins-Verhältnis-Setzen zu anderen Menschen wäre: Eben dieses abstrakte Nehmen der Gegenstände als die Seinen durch die Eigentümer ist zugleich eine ebenfalls gewollte distanzierende Bezugnahme der bürgerlichen Subjekte auf andere Menschen.
Ein solches abstraktes Verhältnis zu Gegenständen einzunehmen, ist für sich schon rätselhaft und für einen Bezug auf Gegenstände zum Gebrauch offensichtlich unvernünftig. Da die Menschen es dennoch und sogar willig bis emphatisch praktizieren, fragt man sich schon nach den Gründen dafür.

3. staatliche Gewalt als „materielle Basis“ von Eigentum und Kapital

So ein geistiges Verhältnis zu Gegenständen, wie es das Eigentumsverhältnis vorstellt, kann für sich keinen Bestand haben gegen materiellen Zu- und Übergriffe anderer Subjekte. Richtig, s o ein Verhältnis muss schon energisch und mit materieller Wucht – objektiv – gesetzt werden, von einer Instanz, die Macht über alle einzelnen Willen der Gesellschaft hat. So „konkretisiert sich“ – wenn man so will – das subjektive abstrakte Verhältnis zu Dingen in rechtliche Gewalt. Zumindest gegen diejenigen, die damit und davon ausgeschlossen werden sollen. Allerdings natürlich f ü r diejenigen, die mit dem Gegenstand zusammengeschlossen werden, deren p o s i t i v e r Wille zum Gegenstand als eigenem ist gerade gefragt und erlaubt.

Wie der Blick in die Vergangenheit zeigt, w u r d e dieses Verhältnis tatsächlich von zentralen Gewalten gegen andere (auch nicht gemütlichere) gesellschaftliche Konzepte in die Welt gesetzt. Und w i r d auch heute immer aufs Neue durch den Staat bekräftigt. Allerdings weniger gegen Leute, die eine andere gesellschaftliche Benutzung der Gegenstände im Auge haben; vielmehr hauptsächlich gegen Subjekte, die nichts anderes im Sinn haben, als gegen die bestätigten Eigentümer ebenfalls Eigentumsverhältnisse zu den Gegenständen einzunehmen.
Es ist also auch n i c h t so, dass beim Eigentum „der Wille grundsätzlich in seinem Bezug auf seine Mittel negiert wird“ ( Gewalt ! ), er wird dahingehend sogar genehmigt und bestätigt – allerdings nur in bestimmter Weise : Wille zum Eigentum muss er schon sein.

4. der l o g i s c h e Grund des Eigentumsverhältnisses

Man kann sich also weiter die Frage stellen, warum es – jenseits der historischen Abfolge und Willensvorgabe – dieses subjektive Willensverhältnis zu Dingen als solches überhaupt gibt. Also nicht, d a s s und warum es g i l t , das Eigentumsverhältnis – da leistet die Staatsgewalt schon die Erklärung. Sondern warum es d i e s e s Verhältnis in seiner besonderen Q u a l i t ä t ist, das die Staatgewalt zur Geltung bringt.
Die Dinge selbst können wohl in der Tat für so ein Verhältnis zu ihnen ebenfalls nicht als Begründung herhalten. Ein archaisches Bedürfnis der menschlichen Natur oder gar der Willens (überhaupt), sich so zu den Mitteln menschlicher Zwecke zu stellen (so wie sich die Bürger das vorstellen), leuchtet allerdings auch nicht ein. Selbst wenn das Eigentumsverhältnis von (fast) a l l e n Akteuren des Kapitalverhältnisses als ihrem Willen entsprechend – also n i c h t als Gewalt – genommen wird.
Und selbst zur allseitig bekannten Elementarform des bürgerlichen Reichtums, der Ware, kann man sagen, dass sie zwar gehabt und materiell besessen werden muss, aber ein so abstraktes Verhältnis wie das Eigentumsverhältnis zu ihr nicht notwendig ist.
Worin ist und was macht denn nun dann dieses Eigentumsverhältnis notwendig ? Das kapitalistische Produktionsverhältnis selbst, und zwar in den Einkommensquellen („Revenuequellen“ nach Marx, K III) des bürgerlichen Wirtschaftens ! Die Gegenstände Geld, Natur und menschliche Natur, alles das wird in der Transaktion mit dem Unternehmer (nicht etwa wie die Ware verkauft, sondern) gegen Geld (= Einkommen) v e r l i e h e n . Und sie stehen im diesem verliehenen Zustand gerade a u s s c h l i e s s l i c h in d e m abstrakten Verhältnis zu ihrem verfügenden Subjekt, das das Eigentumsverhältnis ausmacht; während der Unternehmer materiell über sie verfügt.

Somit zeigt sich das Eigentumsverhältnis und der vom Eigentum getrennte Eigentümer als subjektive Kristallisation des gesamten Kapitalverhältnisses, ist also weder zufällige (etwa vorgefundene) noch willkürlich gesetzte Verfügungsweise, sondern s e i n e Form von Verfügung.
Und so subjektiv und innerlich wie innig man sich den Willen (was es ja dennoch ist, aber eben) zum Eigentum auch vorstellen mag, d a m i t (und nicht weil uns der Staat das auferlegt) erweist sich jedes Eigentumsverhältnis als Dienst am Kapital und sonst gar nichts.