Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Sucht als Ticket zur geistigen Entsagung

Es mag nur eine Reaktion auf die penetrante moralische Militanz von Konsum-Politik-Aposteln in Form mancher Vegetarier_innen und Veganer_innen sein, nichtsdestotrotz ist ihre Form der Befassung mit ihrem Gegenstand abzulehnen: Im Gespräch über Vegetarismus und Veganismus begegnet mir zuweilen die Aussage “Das könnte ich nicht!”.

Keine Fleisch- oder Milchprodukte zu sich zu nehmen führt aber meines Wissens nicht zu Entzugserscheinungen, wie dies zum Beispiel bei der Nikotinentwöhnung in Form von Konzentrationsschwierigkeiten der Fall ist*. Dennoch wird in der obigen Aussage der Konsum von Tierprodukten als quasi-Sucht behandelt: Wer sich entscheidet keine Fleisch- oder sogar Tierprodukte im Allgemeinen mehr zu konsumieren, wägt seine Interessen am Konsum gegen seine Urteile über diesen ab und räumt Letzteren den Vorzug ein. Die Gründe für den nicht-Konsum werden für die betreffende Person handlungsleitend, weil sie ihre Urteile darüber, warum der jeweilige Konsum nicht gut und der nicht-Konsum und seine Auswirkungen besser seien, als höherwertig gegenüber ihrer bisherigen Praxis des Konsums betrachtet. Der nicht-Konsum geht mit seinen Gründen somit in den Willen der Person über.

Wenn nun nicht-Vegetarier und nicht-Veganer sagen, sie könnten “das nicht”, sagen sie nicht, dass sie die Gründe für den jeweiligen nicht-Konsum für falsch oder zumindest nicht so schwerwiegend, dass sie ihnen gegenüber ihre Interessen am Konsum zurückstellen würden, erachten. Vielmehr schneiden sie sich selbst von der Reflexion über ihr Handeln ab, indem sie sich für handlungsunfähig erklären. Das “nicht-Können” hat keine körperliche Notwendigkeit, wie bei der wirklichen Sucht. Der Grund für das nicht-Können muss also im Geist liegen und damit doch in den Urteilen über die Sache. In ihrer Aussage äußert sich aber gerade der Unwillen ihr zur Unfähigkeit verklärtes Urteil zu diskutieren und zu reflektieren: Dass man weiter Fleisch/Tierprodukte konsumieren will, wird zur Unfähigkeit das Gegenteil zu tun, verklärt: Weil ich nicht will, kann ich nicht – wenn ich nicht kann, dann brauche ich über meinen Willen ja gar nicht mehr nachzudenken (und entsage so der Möglichkeit meinen Verstand zum Kriterium meines Handlens zu machen).

*Beim Veganismus trifft dies zwar unmittelbar nicht zu, denn mit der westlichen veganen Ernährung lässt sich dem Körper nicht in ausreichendem Maße Vitamin B12 zuführen, was nach einigen Jahren zu schweren und irreperablen Schädigungen der Nerven (zum Beispiel an Augen und Hand) führen kann. Das tut aber hier nichts zur Sache, denn B12 lässt sich als pflanzliches Vitaminpräparat ergänzen und die beeinträchtigende Wirkung kann somit aufgehoben werden.

Ein Nachruf dessen Anlass nicht nur betrübt macht, sondern auch dessen Inhalt

Aus dem Magazin Intro vom November letzten Jahres:

Wir vermissen Martin Büsser
Ein Nachruf von Thees Uhlmann (Tomte)

Am 23.09. dieses Jahres starb unser Autor und Freund Martin Büsser mit nur 42 Jahren an Krebs. Thees Uhlmann teilt eine Geschichte.

Es gab eine Zeit, da fand man mich in Hemmoor auf Knien vor dem Briefkasten wartend, dass doch endlich der Tag im Monat sein möge, an dem das neue „ZAP Hardcore Magazin“ vor mir auf den Boden fällt. Das Magazin samt seinen Mitarbeitern war alles für mich: Vorbilder, Lebenskünstler, Durchzieher, Literaten, Verrückte, Punks, Genies, Gehirne, Entertainer, Meinungsmacher.

Das war meine erste Welt der freien Wahl. Martin Büsser war einer davon. Er schrieb über obskure Noiserock-Bands, über einarmige japanische Jazztrompeter, Helge Schneider und Adorno. Das brachte mich dazu, in Hemmoor zum örtlichen Bücherdealer zu gehen, um mir ein Adorno-Buch zu bestellen. Der Buchladenbetreiber musste erst mal nachgucken, wer das ist. Ich bestellte das billigste und folgte dem guten alten Motto „Versuch, deine Idole kennenzulernen“ und schrieb Martin von diesem Buchkauf.

Wenige Tage später kamen eng geschriebene vier Seiten zurück, in denen stand, was ich noch alles lesen müsse: Foucault, Chomsky, der ganze Kram. Ich habe seine Empfehlungen nicht befolgt, denn die Geste, mir einen Brief zu schreiben, wiegt viel mehr, als man in diesen Büchern lernen könnte. Einfach etwas tun! Sich selbst nicht wichtig nehmend jemandem einen Gefallen und seine Gedanken schenken.

Dass jemand, den ich so gut und weltgewandt und beneidenswert fand, sich die Zeit nahm, mir einen Brief zu schreiben, hat mir nichts anderes bewiesen, als dass es Sinn macht, etwas vom Leben und all seinen Wegen, Zwängen und Wirrungen zu erwarten.

Vielleicht ist es ein wenig so, dass bis 18 der Körper lernt und ab da nur noch das Herz. Diese Geste hat bis heute mein ganzes Leben beeinflusst, und ich versuche noch immer, mich an ihr zu orientieren.

Danke, Martin!

Unser Autor Martin Büsser starb vor rund einem Monat, am 23.09., nach kurzer, schwerer Krankheit. Wir sind immer noch traurig. Einen ausführlichen Nachruf von Intro-Redakteur Linus Volkmann findet ihr hier.


„[…] die Geste, mir einen Brief zu schreiben, wiegt viel mehr, als man in diesen Büchern lernen könnte. Einfach etwas tun! Sich selbst nicht
wichtig nehmend jemandem einen Gefallen und seine Gedanken schenken.“

Das ist der Kern des Traurigen: Martin Büsser schrieb wohl in dem Glauben, dass seine Artikel jemanden dazu angeregt haben, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die ihm etwas bedeuteten, weil er sie als sachlich wichtig erachtete einen langen Brief, der Anregungen für die weitere Beschäftigung mit den inhaltlichen Fragen bereithielt. Der Nachrufer offenbart aber gerade eine Geringschätzung für die inhaltliche Seite, die Seite die Martin Büsser gerade die wichtige gewesen sein muss, sonst hätte er auch einen kurzen inhaltsleeren Brief schreiben können, was weniger Aufwand gewesen wäre. Der Nachrufer misst dem Inhalt, der also der Grund für das Engagement Büssers gewesen sein muss, kaum Bedeutung bei, bezeichnet die Autoren, auf die verwiesen wurde, gar mit dem abschätzigen Wort ‚Kram‘ und gibt dann auch noch zu, sich mit dem Inhalt nicht einmal befasst zu haben (offenbart also gleichzeitig, gar nicht qualifiziert zu sein für das Urteil, dass die Geste mehr als der Inhalt der Bücher wiege).
Das Traurige ist daher, dass zu Martin Büsser gerade gesagt wird: Das was ihm wichtig war, was er vermitteln wollte, ist mir egal: Es kommt zwar als Inhalt des ‚Geschenks‘ vor aber eben nur als sein nunmal notwendiger Träger: Von Bedeutung war für den Nachrufer die Äußerlichkeit der Form des Inhalts. Er sieht von der Absicht völlig ab und misst nur dem Mittel der Verwirklichung der Absicht Bedeutung bei. Dieses Mittel: ein selbstloses Geschenk ist zu allem Übel auch noch so abstrakt, dass es beliebig ist und dem Toten nicht mal auf dieser falschen Ebene eine Bedeutung zuschreibt, die nicht alltäglich wäre.

Ein Nachruf, der sich mit dem Schaffen Martin Büssers auseinandersetzt, findet sich hier.

Unausgesprochen verschwörungstheoretisch

Die Tagesschau berichtet über den Vergewaltigungsvorwurf gegenüber dem Chef des Internationalen Währungsfonds Dominique Strauss-Kahn, der auf den Mittag des Vortags datiert. Neben seiner Tätigkeit als IWF-Chef gilt Strauss-Kahn dem Bericht zufolge auch als Hoffnungsträger der Sozialistischen Partei Frankreichs für den Präsidentschaftswahlkampf 2012 gegen Nicolas Sarkozy. Von der durch den „Skandal“ laut Tagesschau hervorgerufenen politischen Schwächung, sollen die „politischen Gegner“ des amtierenden Präsidenten der französischen Republik darauf geschlossen haben, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens seltsam/auffällig sei:


Selbst wenn er die Vorwürfe entkräften kann, Dominique Strauss-Kahn ist schon jetzt politisch entscheidend geschwächt – als Chef des Internationalen Währungsfonds und als Sarkozys stärkster Herausforderer. Für die politischen Gegner des Präsidenten ist deshalb auch der Zeitpunkt zu dem dieser Skandal publik wird bemerkenswert, um nicht zu sagen auffällig.

Der Zeitpunkt der Publikwerdens ist unmittelbar nach dem mutmaßlichen Verbrechen. Es ist weder bemerkenswert noch auffällig, dass die Festnahme eines weltbekannten Politikers sofort bekannt wird. Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, dass „die politischen Gegner“ Sarkozys tatsächlich den Zeitpunkt des Publikwerdens in Frage stellen – das habe ich aber zugegebenermaßen nicht recherchiert. Von einer so unbestimmten Gruppe wie der der „politischen Gegner“ ließe sich aber auch nicht zweifelsfrei feststellen, dass nicht doch jemand so etwas gesagt hat. Trotz der offensichtlichen Blödsinnigkeit der Äußerung mag die Tagesschau also ihr indirektes Zitat – abgesehen von der Sippenhaft in die sie die politischen Gegner nimmt – korrekt wiedergeben.

Auffallen könnte verschwörungstheoretischen Geistern höchstens der mutmaßliche Vorfall selbst. Wem an dem Vorfall aber etwas auffällt, der glaubt schon in der Logik des Cui Bono? („Wem kommt das zu Gute?“) darauf schließen zu können, dass die Anschuldigung falsch ist, weil sie gerade den politischen Gegnern Sarkozys zu pass kommen könnte. Für diese Spekulation braucht man keinen konkreten Inhalt zu untersuchen sondern sich nur anzuschauen, wem etwas zu Gute kommt. Nach der Logik kann der Regen das Werk von Landwirten sein.

Indem die Tagesschau in ihrer Formulierung, die aus dem kollektiven Munde der „politischen Gegner“ Sarkozys gekommen sein soll, gerade nicht den „Skandal“ selbst in Frage stellt, sondern den Zeitpunkt des Publikwerdens, umgeht sie es die offensichtlich verschwörungstheoretische Spekulation, dass der Inhalt des Skandals selbst inszeniert sei, auszusprechen. Dafür nutzt sie die ungleich diffusere und abwegigere Feststellung, dass der Zeitpunkt des Publik-werdens Verdacht errege, als Einfallstor für die Verschwörungstheorie: Weil Alle wissen, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens überhaupt nicht bemerkenswert ist, schließen sie schon auf den eigentlich gemeinten Inhalt, nämlich dass der ganze „Skandal“ selbst inszeniert sei.

Die Tagesschau befeuert die Verschwörungstheorie, die sie der Gruppe der „politischen Gegner“ Sarkozys kollektiv in den Mund legt, indem sie den Kern der Verschwörungstheorie gerade nicht ausspricht und sich somit scheinbar auch nicht der unkommentierten Weitergabe von Verschwörungstheorie schuldig macht, während die Verschwörungstheorie doch die einzig logische Folgerung aus dem Berichteten bleibt.

Sollten auch tatsächlich „politische Gegner“ Sarkozys selbst den Zeitpunkt des Publikwerdens für bemerkenswert/auffällig erklärt haben, hätte die Tagesschau dies trotzdem nicht unkommentiert wiedergeben dürfen, sondern hätte auf den verschwörungstheoretischen Gehalt der Aussagen verweisen müssen und dafür auch nicht die Gegner kollektiv in Sippenhaft nehmen dürfen. Ich bin auch einer der politischen Gegner Sarkozys und finde den Zeitpunkt zu dem der Skandal publik wird keineswegs seltsam oder auffällig.

Indem ich mir hier nur einen Kritikpunkt rausgegriffen habe, mag die Tagesschau ansonsten als ganz gut erscheinen: Das ist sie als Ideologin für Deutschland und seinen Kapitalismus nicht. Aber solch offene Propagierung von Verschwörungstheorie war mir neu.

„Atommüll – Endlager verzweifelt gesucht“

Nicht viel Informatives zum „Warum“ aber einiges zum „Wie“ der deutschen Atompolitik und vor allem des vergangegen und jetzigen Umgangs mit radioaktiven Abfällen ist in dieser „Quarks & Co“-Sendung des WDR vom 09.11.2010 zu finden.

Das schlagende – und deshalb wohl zum Schluss aufgesparte – Argument gegen den Atommüll ist wieder einmal jenes, dass der Steuerzahler für die Milliardengewinne der Atomindustrie zahlt. Dass sich Leute auf Kosten der Allgemeinheit ausgerechnet in einer Gesellschaft bereichern, deren Allgemeinheit darin besteht, sich Reichtum auf Kosten der anderen anzueignen, ist für den deutschen Spießbürger der größte anzunehmende Skandal.

„Gaaaaanz großes Tennis!“