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Zu Michael Heinrichs Empirismuskritik

Heinrichs „Wissenschaft vom Wert“ gelesen. Darin zu finden Heinrichs Kritik an der Marx’schen Einschätzung von Smith und Ricardo. Marx kritisiert an den beiden, dass sie zwar den Wert der Waren auf Arbeit zurückführten, ebenso einen Begriff vom Mehrwert hätten, diese beiden Begriffe aber ständig mit den Begriffen Preis und Profit – also mit den Erscheinungsformen von Wert und Mehrwert – verwechselten.

So bei Ricardo: Dieser wisse zwar, dass der Mehrwert der Teil des der Warenmasse durch Arbeit zugesetzten Werts ist, der den zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Wert übersteigt, sei also auch auf dem besten Wege, zu entdecken, dass Mehrwert durch Mehrarbeit, d.h. Ausbeutung geschaffen wird. Je größer die Ausbeutung, desto mehr Mehrwert. Diese Behauptung widerspreche aber der unmittelbaren Anschauung, insofern, dass bei einer gegebenen Durchschnittsprofitrate die Profitmasse von der Größe des eingesetzten Kapitals abhängt – und zwar unabhängig von der Mehrwertrate des Einzelkapitals. Marx kritisiert nun, dass Ricardo das Vorhandensein der Durchschnittsprofitrate nicht aus seiner – richtigen – Mehrwerttheorie entwickelt, also die Mehrwertbestimmungen mit den Profitbestimmungen korrekt vermittelt, sondern diese als Prüfstein der Mehrwerttheorie betrachtet und bei Nichtübereinstimmung die Bestimmungen des Mehrwerts teilweise wieder verwirft bzw. falsch modifiziert. Ricardo sei es einerseits darum gegangen, die dem Profit zugrunde liegenden Gesetze aufzufinden, andererseits habe er die Erklärung – den Mehrwert – nicht mit dem zu Erklärenden – dem Profit – vermittelt, sondern beides miteinander verwechselt. Ricardo fasse „die Erscheinungsform nun unmittelbar, direkt als Bewähr oder Darstellung der allgemeinen Gesetze auf“, keinesweg entwickle er das eine aus dem anderen – wie es eine richtige Theorie zu tun hätte. Seine Abstraktion (der Schluss auf die dem Profit zugrunde liegenden Vorgänge) sei eine bloß „formale Abstraction“, keine die mit der zu erklärenden Realität inhaltlich verknüpft wäre. (MEW 26.2: 100)

Marx geht von einer (seiner) fertigen Theorie des Profits aus, die diesen – auch quantitativ – aus der Aneignung von Mehrarbeit Schritt für Schritt ableitet und das, was anfangs als Widerspruch erschien, miteinander vermittelt, und betrachtet die Theorien von Smith und Ricardo in einem Abgleich mit seiner. Dort, wo sich diese übereinstimmend mit ihm äußern, hält er es ihnen als einen Fortschritt in der Wissenschaft zugute; dort, wo die beiden vom ihm abweichen, seien nach Marx Verwechslungen, Inkonsequenzen, Unfähigkeit, „Mangel an Abstractionskraft“ u.ä. am Werke. Ein Begriff der Theorien von S. und R. ist dies nicht, eine Erklärung dessen, warum sie ihre Fehler machen, auch nicht. Die „Un-“s, „In“-s und „Mängel“ sind keine positiven Bestimmungen der dort vollzogenen Urteile, sondern drücken bloß die Nichtübereinstimmung mit der eigenen Theorie aus.
Edit: Marx geht von einer (seiner) fertigen Theorie des Profits aus, die diesen – auch quantitativ – aus der Aneignung von Mehrarbeit Schritt für Schritt ableitet, also das, was anfangs als Widerspruch erschien, miteinander vermittelt und betrachtet die Theorien von Smith und Ricardo im Verhältnis seiner. Dort, wo sich diese übereinstimmend mit ihm äußern, hält er es ihnen als einen Fortschritt in der Wissenschaft zugute; dort, wo die beiden vom ihm abweichen, seien nach Marx – zumindest an den Stellen, auf die Heinrich sich bezieht – Verwechslungen, Inkonsequenzen, Unfähigkeit, „Mangel an Abstractionskraft“ u.ä. am Werke. Eine Erklärung dessen, warum S. und R. ihre Fehler machen ist das nicht. Die „Un-“s, „In“-s und „Mängel“ sind keine positiven Erklärungen der dort vollzogenen Urteile, sondern halten zunächst nur fest, dass die beiden es falsch gemacht haben, weil sie es nicht richtig gemacht haben.

Das kreidet Heinrich Marx seinerseits als Mangel an und macht sich daran, diesen Mangel zu beheben, also die Fehler von S. und R. positiv zu erklären. Diese Erklärung geht folgendermaßen: Heinrich attestiert Smith und Ricardo Empirismus, der sie daran hindern würde, eine „nicht-empiristische Theorieebene“ zu konstruieren, die bei Marx vorhanden sei und auf der seine Mehrwerttheorie zu verorten sei. (Heinrich 1999: 58) Der Empirismus, der den Nicht-Empirismus verhindert, wird doppelt bestimmt: Einerseits negativ, als das Nicht-Vorhandensein abstrakter theoretischer Ebenen, andererseits als die Anwendung von theoretisch gewonnenen Kategorien auf der Ebene der unmittelbaren Beobachtung. Da der Mehrwert z.B. nach Heinrich eine Kategorie ist, die kein empirisches Korrelat besitzt, also nicht unmittelbar beobachtet werden kann, können die empiristischen Theoretiker Smith und Ricardo ihn auch nicht richtig bestimmen, denn dazu müssten sie sich theoretisch auf nicht-empirische Ebenen begeben. Dass sie das nicht tun, liegt wiederum daran, dass sie im empiristischen Diskurs befangen sind, der die Wissenschaft der Politischen Ökonomie zu ihrer Zeit beherrschte.

Dazu ein paar Gedanken:

1. Der Verweis auf den empiristischen Diskurs ist eine Nicht-Erklärung, weil der empiristische Diskurs durch nichts anderes als die Betätigung seiner Protagonisten entsteht. Die Erklärung dessen, warum die bürgerlichen Ökonomen allesamt Empiristen sind, heißt demnach: weil sie sich alle theoretisch als solche betätigen, es also sind. Hegel hülf!

2. Wodurch verhindert der Empirismus eigentlich, dass seine Anhänger ihre Kategorien auf gescheiten theoretischen Ebenen plazieren? Sprich: Was sind das für Eigenschaften und Bestimmungen, die er hat, die Smiths und Ricardos Denken in eine verkehrte Richtig treiben? – Davon weiß Heinrich nichts zu berichten. Empirismus ist bei ihm einfach und allein schon dadurch bestimmt, dass man dabei am richtigen Theoretisieren gehindert wird. Warum konstruieren Smith und Ricardo nicht die richtige theoretische Ebene, um den Mehrwert korrekt zu fassen? – fragt Heinrich. Und seine Antwort lautet: Weil sie Empiristen sind, es also nicht tun. Sie machen, was sie machen, weil sie so sind, dass sie es machen. Ein Tun wird als ein Zustand beschrieben und soll als Erklärung für sich selbst herhalten. Eine „formale Abstraction“ hat das mal irgendein kluger Mensch genannt.

Heinrichs Fassung vom Empirismus taugt vielleicht dazu, diese Denkweise zu benennen und zu charakterisieren, nicht jedoch als Erklärung für die Gedanken von Smith und Ricardo.

3. „Empirismus“ in dem Sinn, dass Smith und Ricardo von empirisch Beobachtbaren ausgehen und daran ihre theoretischen Kategorien überprüfen, wäre nichts Falsches. Das macht jede Wissenschaft so. Die empirische Beobachtung ist das zu Erklärende, also müssen die theoretischen Kategorien sie erfassen können, sind also an ihr zu überprüfen. Dass die Kategorien kein unmittelbares „empirisches Korrelat“ haben, macht für die meisten Wissenschaftler keine Probleme (vgl. die meisten Begriffe in der Physik). Auch Smith und Ricardo benutzen Kategorien, die kein direktes empirisches Korrelat besitzen, was sie nicht daran hindert, sie als richtige zu behaupten. Wenn Smith z.B. über den „natürlichen Preis“ der Waren redet, der sich als Durchschnitt aus den Preisschwankungen ergibt, dann ist dieser „natürliche Preis“ auch nicht unmittelbar zu beobachten – Durchschnitte werden nicht beobachtet, sondern errechnet – und dennoch macht sich Smith an die Erklärung dessen, wie er zustande kommt. Ebenso das Gefasel der beiden über die Natur des Menschen, die ständig als Erklärung für den Tausch herhalten muss, obwohl sie nicht direkt beobachtbar ist, sondern aus dem Handeln der Menschen erschlossen wird. (Bei Smith über den haarsträubend whacken Analogieschluss, dass wenn die Sprache zur Natur des Menschen gehört, weil die sonstigen Tiere nicht sprechen können, es mit dem Tauschen sich ebenso verhalten muss, weil Tiere eben auch nicht tauschen.) „Empirismus“ in dem Sinn, dass Smith und Ricardo bloß platt das empirisch Beobachtbare widergeben würden, ohne abstrakte Kategorien zur Erklärung zu benutzen, liegt also auch nicht vor.

Edit: [Ergänzt um Krims Kommentar, der die Sache tight auf den Punkt bringt]“Auch der Profit ist ja eigentlich nichts direkt empirisches. Was der Unternehmer auf dem Markt erhält ist ja zunächst mal Geld. Dieses Geld aber in ein Verhältnis zu setzen zum vorgeschossenen Kapital ist eine theoretischer Vorgang. Also ist Profit auch eine theoretische Kategorie, weil er das Verhältnis zum vorgeschossenen Kapital bezeichnet. Der Mehrwert ist ja auch nichts anderes als ein Verhältnis, nämlich das Verhältnis zur Lohnsumme, die ihn herstellt, die Mehrarbeit das Verhältnis zur notwendigen Arbeit. Der Unterschied ist bloß, dass den Kapitalisten bloß das Verhältnis zum vorgeschossenen Kapital interessiert. Seinem Interesse ist es also geschuldet, dass dem Kapitalisten der Überschuß als Profit erscheint, also als Überschuss über ein vorgeschossenes Kapital und nicht als Überschuss über das variable Kapital, als vergegenständlichtes Produkt der Mehrarbeit im Verhältnis zur Arbeit, die die Lohnkosten reproduziert.

Das Empirische ist nicht einfach vorliegende Realität, sondern schon in theoretische Kategorien einsortierte Realität. In diesem Fall sind es die interessierten Kategorien des praktischen Kapitalstandpunkts, die als Empirie gelten. Umgekehrt verraten die die Kategorien der Empirie das Interesse, das sie produziert.
Hier müsste man fragen, warum eigentlich der Kapitalstandpunkt bei S.u.R. als Empirie/als Realität durchgeht. Auf die Frage, warum sie das weder als theoretische Kategorie erkennen noch das Interesse, das sie produziert, gibt es m.E. nur eine Antwort – sie finden das Interesse nicht kritikabel, sondern teilen es.

Überhaupt besteht der Empirismus nicht, wie Heinrich annimmt, darin, das empirisch Gegebene einfach wiederzugeben. Dass Empiristen sich peinlich genau an die Empirie halten würden, ohne jede theoretische Zutat des Denkens, womit die Objektivität ihrer Theorien versichert wäre, ist ihre eigene Ideologie, mit der sie andere Theoretiker – Marxisten z.B. – disqualifizieren wollen. Heinrich nimmt diese Ideologie für bare Münze, meint aber, genau darin die Schwäche des Empirismus gefunden zu haben. Fail, denn die „Schwäche“ des Empirismus besteht in Wirklichkeit darin, dass er eine erkenntnistheoretisch unterfütterte Verweigerung darstellt, die fehlerhaften Kategorien der bürgerlichen Wissenschaft auf ihren theoretischen Status zu prüfen.

4. Worauf läuft die ganze Sache hinaus? Smith und Ricardo haben kein Style, bestimmen alles Mögliche anders als Marx und dazu auch noch falsch. Eine Erklärung dafür hat Heinrich mit seinem Versuch nicht hinbekommen. Was er hinbekommen hat, ist, die urban legend in die Welt zu setzen, Marx sei ditwegen so ein kluger Kopf jewesen, weil er eine Revolution auf dem wissenschafts-methodischen Gebiet angestoßen hat, die der Einführung von theoretischen Ebenen endlich die Beachtung zollt, die sie verdient, und die Heinrich und seine Homies von der Neuen-Marx-Lektüre immer noch im Begriff sind zu vollziehen. Und ich will auch gar nicht bestreiten, dass einem die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden nützen kann – z.B. dabei, die Fehler der bürgerlichen Ökonomen und von Heinrich schneller zu entdecken und zu verstehen – dass Marx seine Theorie halbwegs korrekt hinbekommen hat, weil es ihm eingefallen ist, neue theoretische Ebenen einzuführen, bestreite ich allerdings.

Achso, bevor das vergessen wird: eine Kritik am Empirismus, unerreicht, was den Flow und die Message angeht, gibt es von schwäbischsten aller Philosophen – Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, ab §37.

Kritik und Anmerkungen in der Kommentarspalte werden gelesen und bedacht.

Hegel vs. „radikale Volkssouveränität“

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Es kann doch daran zu erinnern sein, daß die Ausübung eines solchen ganz vereinzelten Berufs, wie der ist, ein Wähler zu sein, leicht in kurzem sein Interesse verliert, überhaupt von der zufälligen Gesinnung und augenblicklichem Belieben abhängt. Dieser Beruf ist mit einer einzigen Handlung abgelaufen, einer Handlung, die innerhalb mehrerer Jahre nur ein einziges Mal vorkommt; bei der großen Anzahl der Stimmgebenden kann von dem Einzelnen der Einfluß, den seine Stimme hat, für sehr unbedeutend angesehen werden; um so mehr, da der Deputierte, den er wählen hilft, selbt wieder nur ein Mitglied einer zahlreichen Versammlung ist, in welcher immer nur eine geringe Anzahl sich zur Evidenz einer bedeutenden Wichtigkeit bringen kann, sonst aber durch nur eine Stimme unter vielen einen ebensolchen unscheinbaren Beitrag liefert. So sehr also psychologischer Weise erwartet wird, daß das Interesse der Staatsbürger sie antreiben solle, die Stimmfähigkeit eifrigst zu suchen, für wichtig und für eine Ehre zu halten, – sowie zur Ausübung dieses Rechts zu drängen, und es mit großer Umsicht wie ohne alles andere Interesse wirklich auszuüben; – so zeigte sich dagegen auch die Erfahrung, daß der zu große Abstand zwischen der Wichtigkeit der Wirkung, die herauskommen soll, zu dem sich als äußerst geringfügig vorstellenden Einfluß des des Einzelnen, bald die Folge hat, daß die Stimmberechtigten gleichgültig gegen dies ihr Recht werden … .
(Politische Schriften 1966, S. 160)

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Vom Standpunkt der angemessen kompetenten staatlichen Verwaltung der kapitalistischen Nation ist „direkte Demokratie“ also widersinnig, da die Bürger – weil in ihrem ganzen Alltag mit der Verfolgung ihrer privaten Interessen beschäftigt – a) nicht kompetent genug sind, die gesamte Gesellschaft betreffende Entscheidungen „mit großer Umsicht“ zu fällen, b) ihre privaten Interessen nicht aus der Politik raushalten können, um die Staatsgeschäfte, bei denen es gerade nicht um die privaten, sondern um die allgemeinen Interessen geht, „ohne alles andere Interesse“ zu beurteilen (Stichwort „Korruption“) und c) aufgrund des geringen Gewichts, den eine einzelne Stimme in Abstimmungen hat, schnell die Motivation verlieren, sich darum zu kümmern (Stichwort „Wahlmüdigkeit“).

Will man aus den oben angegeben Gründen also die Organisation des Kapitalismus nicht von den zweifelhaften staatsbürgerlichen Kompetenzen vieler Einzelner abhängig machen, dann muss, so Hegels Vorschlag (er argumentiert im Text gegen die Verfassungsänderung Württembergs von 1815-1816), die Bildung des politischen Willens speziell dafür abgestellten Funktionären übertragen werden, über deren Tätigkeit der einzelne Bürger dann in den Staat integriert wird: das Parteienwesen.