Ein Nachruf dessen Anlass nicht nur betrübt macht, sondern auch dessen Inhalt

Aus dem Magazin Intro vom November letzten Jahres:

Wir vermissen Martin Büsser
Ein Nachruf von Thees Uhlmann (Tomte)

Am 23.09. dieses Jahres starb unser Autor und Freund Martin Büsser mit nur 42 Jahren an Krebs. Thees Uhlmann teilt eine Geschichte.

Es gab eine Zeit, da fand man mich in Hemmoor auf Knien vor dem Briefkasten wartend, dass doch endlich der Tag im Monat sein möge, an dem das neue „ZAP Hardcore Magazin“ vor mir auf den Boden fällt. Das Magazin samt seinen Mitarbeitern war alles für mich: Vorbilder, Lebenskünstler, Durchzieher, Literaten, Verrückte, Punks, Genies, Gehirne, Entertainer, Meinungsmacher.

Das war meine erste Welt der freien Wahl. Martin Büsser war einer davon. Er schrieb über obskure Noiserock-Bands, über einarmige japanische Jazztrompeter, Helge Schneider und Adorno. Das brachte mich dazu, in Hemmoor zum örtlichen Bücherdealer zu gehen, um mir ein Adorno-Buch zu bestellen. Der Buchladenbetreiber musste erst mal nachgucken, wer das ist. Ich bestellte das billigste und folgte dem guten alten Motto „Versuch, deine Idole kennenzulernen“ und schrieb Martin von diesem Buchkauf.

Wenige Tage später kamen eng geschriebene vier Seiten zurück, in denen stand, was ich noch alles lesen müsse: Foucault, Chomsky, der ganze Kram. Ich habe seine Empfehlungen nicht befolgt, denn die Geste, mir einen Brief zu schreiben, wiegt viel mehr, als man in diesen Büchern lernen könnte. Einfach etwas tun! Sich selbst nicht wichtig nehmend jemandem einen Gefallen und seine Gedanken schenken.

Dass jemand, den ich so gut und weltgewandt und beneidenswert fand, sich die Zeit nahm, mir einen Brief zu schreiben, hat mir nichts anderes bewiesen, als dass es Sinn macht, etwas vom Leben und all seinen Wegen, Zwängen und Wirrungen zu erwarten.

Vielleicht ist es ein wenig so, dass bis 18 der Körper lernt und ab da nur noch das Herz. Diese Geste hat bis heute mein ganzes Leben beeinflusst, und ich versuche noch immer, mich an ihr zu orientieren.

Danke, Martin!

Unser Autor Martin Büsser starb vor rund einem Monat, am 23.09., nach kurzer, schwerer Krankheit. Wir sind immer noch traurig. Einen ausführlichen Nachruf von Intro-Redakteur Linus Volkmann findet ihr hier.


„[…] die Geste, mir einen Brief zu schreiben, wiegt viel mehr, als man in diesen Büchern lernen könnte. Einfach etwas tun! Sich selbst nicht
wichtig nehmend jemandem einen Gefallen und seine Gedanken schenken.“

Das ist der Kern des Traurigen: Martin Büsser schrieb wohl in dem Glauben, dass seine Artikel jemanden dazu angeregt haben, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die ihm etwas bedeuteten, weil er sie als sachlich wichtig erachtete einen langen Brief, der Anregungen für die weitere Beschäftigung mit den inhaltlichen Fragen bereithielt. Der Nachrufer offenbart aber gerade eine Geringschätzung für die inhaltliche Seite, die Seite die Martin Büsser gerade die wichtige gewesen sein muss, sonst hätte er auch einen kurzen inhaltsleeren Brief schreiben können, was weniger Aufwand gewesen wäre. Der Nachrufer misst dem Inhalt, der also der Grund für das Engagement Büssers gewesen sein muss, kaum Bedeutung bei, bezeichnet die Autoren, auf die verwiesen wurde, gar mit dem abschätzigen Wort ‚Kram‘ und gibt dann auch noch zu, sich mit dem Inhalt nicht einmal befasst zu haben (offenbart also gleichzeitig, gar nicht qualifiziert zu sein für das Urteil, dass die Geste mehr als der Inhalt der Bücher wiege).
Das Traurige ist daher, dass zu Martin Büsser gerade gesagt wird: Das was ihm wichtig war, was er vermitteln wollte, ist mir egal: Es kommt zwar als Inhalt des ‚Geschenks‘ vor aber eben nur als sein nunmal notwendiger Träger: Von Bedeutung war für den Nachrufer die Äußerlichkeit der Form des Inhalts. Er sieht von der Absicht völlig ab und misst nur dem Mittel der Verwirklichung der Absicht Bedeutung bei. Dieses Mittel: ein selbstloses Geschenk ist zu allem Übel auch noch so abstrakt, dass es beliebig ist und dem Toten nicht mal auf dieser falschen Ebene eine Bedeutung zuschreibt, die nicht alltäglich wäre.

Ein Nachruf, der sich mit dem Schaffen Martin Büssers auseinandersetzt, findet sich hier.

Unausgesprochen verschwörungstheoretisch

Die Tagesschau berichtet über den Vergewaltigungsvorwurf gegenüber dem Chef des Internationalen Währungsfonds Dominique Strauss-Kahn, der auf den Mittag des Vortags datiert. Neben seiner Tätigkeit als IWF-Chef gilt Strauss-Kahn dem Bericht zufolge auch als Hoffnungsträger der Sozialistischen Partei Frankreichs für den Präsidentschaftswahlkampf 2012 gegen Nicolas Sarkozy. Von der durch den „Skandal“ laut Tagesschau hervorgerufenen politischen Schwächung, sollen die „politischen Gegner“ des amtierenden Präsidenten der französischen Republik darauf geschlossen haben, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens seltsam/auffällig sei:


Selbst wenn er die Vorwürfe entkräften kann, Dominique Strauss-Kahn ist schon jetzt politisch entscheidend geschwächt – als Chef des Internationalen Währungsfonds und als Sarkozys stärkster Herausforderer. Für die politischen Gegner des Präsidenten ist deshalb auch der Zeitpunkt zu dem dieser Skandal publik wird bemerkenswert, um nicht zu sagen auffällig.

Der Zeitpunkt der Publikwerdens ist unmittelbar nach dem mutmaßlichen Verbrechen. Es ist weder bemerkenswert noch auffällig, dass die Festnahme eines weltbekannten Politikers sofort bekannt wird. Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, dass „die politischen Gegner“ Sarkozys tatsächlich den Zeitpunkt des Publikwerdens in Frage stellen – das habe ich aber zugegebenermaßen nicht recherchiert. Von einer so unbestimmten Gruppe wie der der „politischen Gegner“ ließe sich aber auch nicht zweifelsfrei feststellen, dass nicht doch jemand so etwas gesagt hat. Trotz der offensichtlichen Blödsinnigkeit der Äußerung mag die Tagesschau also ihr indirektes Zitat – abgesehen von der Sippenhaft in die sie die politischen Gegner nimmt – korrekt wiedergeben.

Auffallen könnte verschwörungstheoretischen Geistern höchstens der mutmaßliche Vorfall selbst. Wem an dem Vorfall aber etwas auffällt, der glaubt schon in der Logik des Cui Bono? („Wem kommt das zu Gute?“) darauf schließen zu können, dass die Anschuldigung falsch ist, weil sie gerade den politischen Gegnern Sarkozys zu pass kommen könnte. Für diese Spekulation braucht man keinen konkreten Inhalt zu untersuchen sondern sich nur anzuschauen, wem etwas zu Gute kommt. Nach der Logik kann der Regen das Werk von Landwirten sein.

Indem die Tagesschau in ihrer Formulierung, die aus dem kollektiven Munde der „politischen Gegner“ Sarkozys gekommen sein soll, gerade nicht den „Skandal“ selbst in Frage stellt, sondern den Zeitpunkt des Publikwerdens, umgeht sie es die offensichtlich verschwörungstheoretische Spekulation, dass der Inhalt des Skandals selbst inszeniert sei, auszusprechen. Dafür nutzt sie die ungleich diffusere und abwegigere Feststellung, dass der Zeitpunkt des Publik-werdens Verdacht errege, als Einfallstor für die Verschwörungstheorie: Weil Alle wissen, dass der Zeitpunkt des Publikwerdens überhaupt nicht bemerkenswert ist, schließen sie schon auf den eigentlich gemeinten Inhalt, nämlich dass der ganze „Skandal“ selbst inszeniert sei.

Die Tagesschau befeuert die Verschwörungstheorie, die sie der Gruppe der „politischen Gegner“ Sarkozys kollektiv in den Mund legt, indem sie den Kern der Verschwörungstheorie gerade nicht ausspricht und sich somit scheinbar auch nicht der unkommentierten Weitergabe von Verschwörungstheorie schuldig macht, während die Verschwörungstheorie doch die einzig logische Folgerung aus dem Berichteten bleibt.

Sollten auch tatsächlich „politische Gegner“ Sarkozys selbst den Zeitpunkt des Publikwerdens für bemerkenswert/auffällig erklärt haben, hätte die Tagesschau dies trotzdem nicht unkommentiert wiedergeben dürfen, sondern hätte auf den verschwörungstheoretischen Gehalt der Aussagen verweisen müssen und dafür auch nicht die Gegner kollektiv in Sippenhaft nehmen dürfen. Ich bin auch einer der politischen Gegner Sarkozys und finde den Zeitpunkt zu dem der Skandal publik wird keineswegs seltsam oder auffällig.

Indem ich mir hier nur einen Kritikpunkt rausgegriffen habe, mag die Tagesschau ansonsten als ganz gut erscheinen: Das ist sie als Ideologin für Deutschland und seinen Kapitalismus nicht. Aber solch offene Propagierung von Verschwörungstheorie war mir neu.

Zum Eigentumsverhältnis II

Beim nächtlichen Rumstöbern im alten Komfor heute den Beitrag von carlos aus dem Jahr 2005 entdeckt, der das Verhältnis von Eigentum, Kapital und Staatsgewalt ganz gut fasst. Ich zitiere den Beitrag in voller Länge, die gesamte Debatte findet sich hier.

1. Abstrakte Arbeit und Gesellschaflichkeit
Als abstrakte i s t die menschliche Arbeit gesellschaftliche Tat; allerdings ist das gerade nicht eine von den Menschen gewußt gelebte Gesellschaftlichkeit. Vielmehr kennen sie alle gesellschaftliche Arbeit sowie alle benutzte Natur nur als G e g e n s t ä n d e (mit Wert), über die für sich und gegen andere privat verfügt werden kann und muß. Als gesellschaftliche Vorgänge werden so nur die Transaktionen der Gegenstände durch die verfügenden Eigentümer und deshalb auch die Sicherung der Eigentumsverhältnisse genommen.

2. Eigentum als „Gedankenform“

Es g i b t damit in der Tat dieses sich ins Verhältnis setzen des Individuums zu einem Gegenstand, ihn als den seinen zu nehmen, der er für sich gar nicht ist und sein kann. Dieses Nehmen und Verfügen ist bei diesem Eigentumsverhältnis allerdings jenseits der praktischen Benutzung angesiedelt, ein nur geistiges oder gedankliches – und von daher schon merkwürdiges – Verhältnis, das ein Subjekt sich da leistet.
Nur weil da ein subjektives und (nur) geistiges Ins-Verhältnis-Setzen zu Gegenständen vorliegt, sollte man nicht meinen und gar verkünden, das gebe es gar nicht. Ebenfalls sollte man nicht (erst recht nicht ohne Begründung) behaupten, dass dieses n i c h t ein solches, s o n d e r n ein ganz in den Willen des Staates fallendes Ins-Verhältnis-Setzen zu anderen Menschen wäre: Eben dieses abstrakte Nehmen der Gegenstände als die Seinen durch die Eigentümer ist zugleich eine ebenfalls gewollte distanzierende Bezugnahme der bürgerlichen Subjekte auf andere Menschen.
Ein solches abstraktes Verhältnis zu Gegenständen einzunehmen, ist für sich schon rätselhaft und für einen Bezug auf Gegenstände zum Gebrauch offensichtlich unvernünftig. Da die Menschen es dennoch und sogar willig bis emphatisch praktizieren, fragt man sich schon nach den Gründen dafür.

3. staatliche Gewalt als „materielle Basis“ von Eigentum und Kapital

So ein geistiges Verhältnis zu Gegenständen, wie es das Eigentumsverhältnis vorstellt, kann für sich keinen Bestand haben gegen materiellen Zu- und Übergriffe anderer Subjekte. Richtig, s o ein Verhältnis muss schon energisch und mit materieller Wucht – objektiv – gesetzt werden, von einer Instanz, die Macht über alle einzelnen Willen der Gesellschaft hat. So „konkretisiert sich“ – wenn man so will – das subjektive abstrakte Verhältnis zu Dingen in rechtliche Gewalt. Zumindest gegen diejenigen, die damit und davon ausgeschlossen werden sollen. Allerdings natürlich f ü r diejenigen, die mit dem Gegenstand zusammengeschlossen werden, deren p o s i t i v e r Wille zum Gegenstand als eigenem ist gerade gefragt und erlaubt.

Wie der Blick in die Vergangenheit zeigt, w u r d e dieses Verhältnis tatsächlich von zentralen Gewalten gegen andere (auch nicht gemütlichere) gesellschaftliche Konzepte in die Welt gesetzt. Und w i r d auch heute immer aufs Neue durch den Staat bekräftigt. Allerdings weniger gegen Leute, die eine andere gesellschaftliche Benutzung der Gegenstände im Auge haben; vielmehr hauptsächlich gegen Subjekte, die nichts anderes im Sinn haben, als gegen die bestätigten Eigentümer ebenfalls Eigentumsverhältnisse zu den Gegenständen einzunehmen.
Es ist also auch n i c h t so, dass beim Eigentum „der Wille grundsätzlich in seinem Bezug auf seine Mittel negiert wird“ ( Gewalt ! ), er wird dahingehend sogar genehmigt und bestätigt – allerdings nur in bestimmter Weise : Wille zum Eigentum muss er schon sein.

4. der l o g i s c h e Grund des Eigentumsverhältnisses

Man kann sich also weiter die Frage stellen, warum es – jenseits der historischen Abfolge und Willensvorgabe – dieses subjektive Willensverhältnis zu Dingen als solches überhaupt gibt. Also nicht, d a s s und warum es g i l t , das Eigentumsverhältnis – da leistet die Staatsgewalt schon die Erklärung. Sondern warum es d i e s e s Verhältnis in seiner besonderen Q u a l i t ä t ist, das die Staatgewalt zur Geltung bringt.
Die Dinge selbst können wohl in der Tat für so ein Verhältnis zu ihnen ebenfalls nicht als Begründung herhalten. Ein archaisches Bedürfnis der menschlichen Natur oder gar der Willens (überhaupt), sich so zu den Mitteln menschlicher Zwecke zu stellen (so wie sich die Bürger das vorstellen), leuchtet allerdings auch nicht ein. Selbst wenn das Eigentumsverhältnis von (fast) a l l e n Akteuren des Kapitalverhältnisses als ihrem Willen entsprechend – also n i c h t als Gewalt – genommen wird.
Und selbst zur allseitig bekannten Elementarform des bürgerlichen Reichtums, der Ware, kann man sagen, dass sie zwar gehabt und materiell besessen werden muss, aber ein so abstraktes Verhältnis wie das Eigentumsverhältnis zu ihr nicht notwendig ist.
Worin ist und was macht denn nun dann dieses Eigentumsverhältnis notwendig ? Das kapitalistische Produktionsverhältnis selbst, und zwar in den Einkommensquellen („Revenuequellen“ nach Marx, K III) des bürgerlichen Wirtschaftens ! Die Gegenstände Geld, Natur und menschliche Natur, alles das wird in der Transaktion mit dem Unternehmer (nicht etwa wie die Ware verkauft, sondern) gegen Geld (= Einkommen) v e r l i e h e n . Und sie stehen im diesem verliehenen Zustand gerade a u s s c h l i e s s l i c h in d e m abstrakten Verhältnis zu ihrem verfügenden Subjekt, das das Eigentumsverhältnis ausmacht; während der Unternehmer materiell über sie verfügt.

Somit zeigt sich das Eigentumsverhältnis und der vom Eigentum getrennte Eigentümer als subjektive Kristallisation des gesamten Kapitalverhältnisses, ist also weder zufällige (etwa vorgefundene) noch willkürlich gesetzte Verfügungsweise, sondern s e i n e Form von Verfügung.
Und so subjektiv und innerlich wie innig man sich den Willen (was es ja dennoch ist, aber eben) zum Eigentum auch vorstellen mag, d a m i t (und nicht weil uns der Staat das auferlegt) erweist sich jedes Eigentumsverhältnis als Dienst am Kapital und sonst gar nichts.

Papa-a? – Ja, mein Kind?

Papa-a?
Ja, mein Kind?

Wenn wir einst, um nicht zu rosten,
rübermachten in den Osten,
um die Welt in Bunt zu sehn;

wenn wir nun vor todesblassen
Arbeitsämtern, Aldi-Kassen
wie im Osten Schlange stehn:

Ging der Schuss (ich frag ja bloß)
nicht dezent nach hinten los?

Dann geh halt rüber!

(Thomas Gsella, 2007/2008)

„Atommüll – Endlager verzweifelt gesucht“

Nicht viel Informatives zum „Warum“ aber einiges zum „Wie“ der deutschen Atompolitik und vor allem des vergangegen und jetzigen Umgangs mit radioaktiven Abfällen ist in dieser „Quarks & Co“-Sendung des WDR vom 09.11.2010 zu finden.

Das schlagende – und deshalb wohl zum Schluss aufgesparte – Argument gegen den Atommüll ist wieder einmal jenes, dass der Steuerzahler für die Milliardengewinne der Atomindustrie zahlt. Dass sich Leute auf Kosten der Allgemeinheit ausgerechnet in einer Gesellschaft bereichern, deren Allgemeinheit darin besteht, sich Reichtum auf Kosten der anderen anzueignen, ist für den deutschen Spießbürger der größte anzunehmende Skandal.